Archive for the ‘übers schreiben’ Category

von huren & vätern. recherchen.

2008/09/05

Woher nimmst du das mit der Prostituierten? Wie kommst du in den Kopf eines Jungen mit Tourette?  Sind Sie selbst betroffen? Ist Fabian Ihr Sohn? Fragen, die mir oft gestellt werden.

Schreiben erfordert Recherchen, mal mehr, mal weniger. Die ersten Schritte der Annäherung an das Thema Tourette waren natürlich Erfahrungsberichte von Betroffenen, auch Fachliteratur, Bücher, hier und da ein Fernsehbericht. Es war zwar nicht ganz einfach persönliche Kontakte herzustellen, zumal ich gerne jüngere Leute mit Tourette treffen wollte. Mit etwas Mühe habe ich mich dann zu Betroffenen „vorgekämpft“, schon vor Jahren. Mit Mühe, weil sie oft von den Eltern „abgeschirmt“ wurden gegenüber allem, was nach Medien roch. Die Offenheit ist da heute etwas gewachsen, weil sich einfach mehr Menschen für das Thema interessieren und auch die seriöse Berichterstattung zunimmt (ist mein Eindruck…?).

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namen sind schall und rauch? nein.

2008/09/04

Mirco nennt Fabian „Yalla“. Yallayallayalla ist für ihn die lautmalerische Nachbildung eines motorischen Tics von Fabian, bei dem er mit der Zunge schnalzt, sie kreisen lässt – wie der Trucker aus „Thelma & Louise“. Bei diesem ist das natürlich obszön gemeint, soll „Ich will euch lecken!“ heißen. Mirco hätte die Sache auch anders beschreiben und einen anderen Spitznamen für Fabian auswählen können. Da kommt dann der WIile des Autors ins Spiel. Yalla hat auch noch eine weitere Bedeutung.

„Yalla“ kommt aus dem Arabischen und ist eine Verkürzung aus „Ya Allah“. Der Ausruf ist zu verstehen als Bitte an Gott, einem Menschen zu helfen. Wenn ein Bauarbeiter, der gerade einen schweren Stein „Ya Allah“ sagt, dann heißt so viel wie: „Gott, hilf mir, dass ich diesen schweren Stein tragen kann!“

Schnell hat sich im arabischen Raum die Kurzform „Yallah“ eingebürgert, die in allen bedenklichen Situationen gebraucht wird, auch als Anfeuerung und Aufruf sich zu beeilen, etwas schneller zu tun oder auch: aufzubrechen. Komm, mach schon, mach hinne, los jetzt! Lass uns aufbrechen. Mirco sagt das ziemlich häufig… 🙂

wie werde ich autor?

2008/08/30

Ich werde auf Lesungen oder in Zuschriften immer wieder gefragt, wie man Autor wird. Oder wie man das Schreiben erlernt. Zunächst sind das zwei Vorgänge, die nicht unbedingt gleichzusetzen sind. Schreiben kann jeder, der in der Schule gelernt hat, Buchstaben, Wörter und Sätze in eine halbwegs sinnvolle Reihenfolge zubringen. Wenige sind dann Naturtalente oder besser gesagt: von der Natur beschenkte. Sie können sich hinsetzen und ihre Ideen und Botschaften in die Tasten hauen und es kommt etwas dabei heraus, das ein Verleger entdeckt, mag und veröffentlicht. Damit meine ich nicht die Moderatorinnen, die bereits eine Medienerscheinung sind und dann einen Roman über Sümpfe schreiben oder Entertainer, die wandern gehen und daraus einen Bestseller destillieren.

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wörter schauen zurück. ideen.

2008/08/29

Man muss nur lange genug in die Wörter schauen, dann schauen sie zurück!
(Karl Kraus)

Fabian schaut lange in die Sätze. Von-oben-nach-unten-Sätze, Giebel-Sätze, Fischstäbchen-Sätze. Die Idee dazu kam mir an einem Tag in München. Ich saß in der Garderobe eines Fernsehstudios und wartete und wartete und langweilte mich, weil mein Einsatz sich verzögerte. Mit mir wartete der Rest einer uralten zerknitterten, mit Fettflecken übersäten Süddeutschen Zeitung. Der bräunliche Kranz, den eine Kaffeetasse hinterlassen hatte, „markierte“ den Spruch von Karl Kraus geradezu. Man bekommt Ideen oft dort geschenkt, wo man es am wenigsten erwartet.

windows xp mediacenter edition oem. literatur?

2008/08/27

Fast eine Seite technischer Daten eines Computers? In einem Roman? Hat der Reifenberg sie noch alle? Keine Ahnung, aber es war eine wunderbare Möglichkeit, etwas über Fabian und seine Erkrankung zu erzählen.

Und irgendwie hat es mich auch gereizt, mal so etwas Absurdes in einem Buch unterzubringen, ich gebe es ja gerne zu. Vielleicht sollte ich hier auch noch einmal deutlich machen, dass es im „Landeplatz der Engel“ nicht darum ging, ein perfektes Abbild des Tourette-Syndroms zu liefern. (more…)

von der idee zum buch.

2008/08/13

An der Entstehung eines Romans wie dem Landeplatz der Engel sind außer mir, dem Autor, eine Menge anderer Leute beteiligt. Ohne sie gäbe es zwar viele beschriebene Seiten, aber leider kein Buch. Ein paar von ihnen kommen hier in loser Folge zu Wort, es geht los mit Svea Unbehaun, die beim Thienemann-Verlag für die Pressearbeit zuständig ist. Sie ist ein wichtiges Bindeglied zwischen den Autoren und der Öffentlichkeit:

vom manuskript zur ware buch.

Das Wort „Autor“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Schöpfer oder Urheber. Zunächst ist ein Buch natürlich das Werk seines Autors – ein Produkt seiner kreativen Fantasie und seines schreiberischen Könnens. Die erste Erscheinungsform, in der das Buch vorliegt, ist das Manuskript – also der reine Text, bevor er gedruckt wird.

Dieser muss zahlreiche Entwicklungsstufen durchlaufen, bis er zum Buch und – man muss es so sagen – zum käuflichen Endprodukt, zur Ware wird. Ein Autor möchte schließlich viele seiner Manuskripte an möglichst viele Leser bringen. Alleine kann er dies nicht leisten. Und so steht hinter einem Buch auch immer ein Verlag, der die Bücher herstellt.

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wer nicht üben will. assoziationsblaster.

2008/08/09

Wer nun gar keine Lust auf Gehirnhälftenübungskram und blöde Bälle hat und lieber vor dem Computer sitzt, dem sei diese Website empfohlen: der Assoziationsblaster.

Der Assoziations-Blaster ist ein interaktives Text-Netzwerk in dem sich alle eingetragenen Texte mit nicht-linearer Echtzeit-Verknüpfung(TM) automatisch miteinander verbinden. Jeder Internet-Benutzer ist aufgerufen, die Datenbank mit eigenen Texten zu bereichern.
Die einzelnen Beiträge können nicht der Reihe nach gelesen werden, stattdessen wird anhand der entstehenden Verknüpfungen von einem Text zum anderen gesprungen. Die dadurch entstehende endlose Assoziations-Kette vermag dem Zusammenhalt der Dinge schlechthin auf die Spur zu kommen.
Die Datenbank mit den Texten ist nach Stichworten geordnet. Jeder Text gehört zu einem bestimmten Stichwort und die Stichworte stellen auch die Verbindungen zwischen den Texten her. Jeder Internet-Benutzer darf auch neue Stichwörter eintragen, die dann sofort Auswirkungen auf alle bereits vorhandenen Texte haben.

Man wählt einen Begriff, bekommt meist kurze Beiträge dazu geliefert und klickt sich einfach von Begriff zu Begriff weiter… Dann mal viel Spaß!

wenn die ideen nicht fließen. übungen.

2008/08/08

Das kennt jeder: Es geht nicht vorwärts, man sitzt vor seiner Arbeit, aber die Ideen wollen nicht kommen, alles fließt zäh und mühselig, wenn es denn überhaupt fließt. Dran bleiben ist natürlich wichtig, aber manchmal ist loslassen viel wichtiger. Was haben die Jonglierbälle auf meinem Küchentisch damit zu tun?

Ganz einfach, sie bringen mein Gehirn in Gang, denn eine Pause alleine hilft oft nicht, weil es weiter im Gehirn rattert. Denkblockade mit Denken lösen zu wollen, bedeutet oft, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Bei vielen Tätigkeiten, beim Schreiben sehr häufig, arbeitet vorwiegend eine Gehirnhälfte. Menschen sind jedoch (unter anderem) zu dem geworden, was sie sind, weil sie zwei Gehirnhälften haben und in der Lage sind, sie je nach Anforderung beide koordiniert einzusetzen, mal mit dem Schwerpunkt links, mal rechts. Stark vereinfacht: Links sitzen Logik, rationales Denken, Wörter, schreiben, lesen und rechts tummeln sich Intuition, Kreativität, Gefühle.

Wer schreibt, braucht auf jeden Fall beide Hälften, quatsch, jeder braucht beide. Jonglieren erfordert Koordinationsfähigkeit und trainiert diese. Es hilft dabei, die Gehirnhälften in Gang zu bringen und sich lustig miteinander zu verknüpfen. Und vielleicht hat Frau Intuition etwas zur Lösung deines Schreibproblems beizutragen und Frau Logik muss einfach mal den Mund halten oder sie tüfteln gemeinsam was aus. Oder du hattest einfach Spaß, weil die Bälle endlich mal länger als drei Würfe in der Luft geblieben sind. Oder dein Hund (wahlweise auch Katze) klaut einen Ball und es gibt eine kleine Hetzjagd durch die Wohnung. Dass das Schreibproblem am Ende gelöst wird, kann keiner garantieren, aber immerhin scheint das Gehirn dabei zu wachsen, sagen die und die.

Es gibt auch viele andere Übungen. Wenn man keine Bälle zur Verfügung hat, tut’s auch die „liegende Acht“:

Man führt eine oder beide Hände vor dem Oberkörper als zeichne man eine auf der Seite liegende Acht nach. Ausführliche Anweisungen sind hier zu finden. Auf dieser Seite gibt es zudem Übungen, mit denen man jonglieren lernen kann!

Und hier einfach mal ein paar Blogs, die sich auf ihre Art mit dem Thema beschäftigen: hier, hier, hier (macht mal die Übung mit dem Daumen, dann derht sich die Dame wirklich in die andere Richtung!), hier, hier und hier. Und wer nun doll viel übern will kann auch zu den Hirnsportlern gehen.

von oben nach unten. sätze.

2008/08/06

Wie kommt man auf die Idee, eine Roman-Figur über „von-oben-nach-unten“-Sätze, über „Fischstäbchen“-Sätze, über „Giebel“-Sätze nachdenken zu lassen, fragen RG und Rainer in ihren Kommentaren. Die erste Antwort ist: Ich weiß nicht immer, wie ich auf die Ideen in meinen Büchern komme, manchmal sind sie plötzlich da und fühlen sich zwangsläufig an, als hätte es etwas genau so gewollt.

Natürlich mache ich es den Ideen auch so leicht wie möglich, den Weg zu mir zu finden. David Ogilvy, einer der größten Werbe-Gurus der 60er und 70er Jahre, hat einmal gesagt: „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, aber es ist gut, im Hühnerstall zu suchen.“ In diesem Fall ist der Hühnerstall der Kopf meines Romanhelden, denn in dem gehen Dinge vor, die vieles bestimmen. Der Satz „Scheiß was drauf“ kam nicht von Fabian, sondern von mir. Ich war in einer Phase meines Lebens und Schreibens, in der es nur noch mit dieser Einstellung weiterging. Scheiß was drauf, was alle von dir erwarten, von diesem Buch erwarten, was du davon erwartest! Streiche alle Erwartungen und schreib.

Dann aber musste es Fabians Satz werden. Ich wusste, dass ich vor dem Club anfangen wollte. Was fühlt er dort, wie ist das, wenn man in den angesagtesten Club will, bekannt für harte „Türpolitik“, ein Schwellenhüter, den man nicht erwartet hat, das Bewusstsein, dass man mit seinen Tics kaum ein Chance hat hinein zukommen… Was geht in Fabian vor? Schildere ich ihn gleich als hoffnungslos, jammernd, hilflos oder kann ich ihm etwas in die Hand (den Kopf geben), das zu seiner Situation passt, das sicher kein Lichtschwert oder ein Stein der Weisen ist, aber ein Werkzeug, sich in kritischen Situationen irgendwie zu behelfen.

Wenn er ein besonderes Verhältnis zu Wortwelten hat, einen besonderen Umgang mit Sprache hat, was tut ein junger Typ wie Fabian? Wie genau könnte ein Satz, könnten Worte ihm helfen, sich in den Griff zu kriegen. Indem er Strukturen schafft. Klare Muster, an denen sein Gehirn sich abarbeiten kann. Da ist die Idee, ich hatte das Korn gefunden. Es machte auch Spaß, auf diese Erkundungs-Tour zu gehen. Welche Art von Sätzen gibt es, wo lauern Fallen, wie charakterisiert Fabian andere Menschen über diese Besonderheit: Von Baby konnte ich mir nie einen guten Satz erhoffen, weil alle ihre Sätze immer gleich durchliefen. Sie boten mir nichts, absolut nichts, das meine Hirnwindungen austricksen konnte. Fischstäbchensätze, einer wie der andere, Normpressung, Abweichungen verboten, kein Gut, kein Böse. Paniert, kalt, innen hart.“

Für den Leser ist das nicht immer einfach, besonders am Anfang des Buches: „(…) Auf zwei Seiten sinniert Fabian über einen kurzen Satz, den er kurz vorher von Micro vor dem “Depot” aufgeschnappt hat: ‚Scheiß was drauf‘. Was in Fabians Kopf da vorgeht, ist etwas komisch – und es dauert etwas, bis man als Leser kapiert, worum es hier geht (…)“, schreibt Ulf Cronenberg in seinem Blog Jugendbuchtipps und ich stimme ihm zu. Aber es war unvermeidlich, weil es in der von mir gewählten Erzählperspektive die Reise meiner Helden in deren gewohnter Welt beginnen lässt, wie es sonst nicht möglich gewesen wäre.

aufgeschnappt. sprachwelten.

2008/08/02

Viele, die sich mit Büchern beschäftigen und lesen, leben in einer Welt, die oft nur am Rande mit der „Wirklichkeit“ zu tun hat. Sprache, wie diese sie erleben, hat wenig mit dem Alltag zu tun. Alltagssprache ist auch in den seltensten Fällen etwas, das einem Buch gut tut. Schreiben lebt vom Entwurf neuer Welten, auch neuer Sprachwelten. Dazu muss man aber Alltagssprache kennen. Viel mit Bussen und Straßenbahnen fahren und hinhören hilft dabei.

Einer meiner Lieblingsaufschnapper, Linie 7 in Köln, SIE spricht am Handy mit WEM AUCH IMMER:

„Ey!“ – „***“ – „Spinnst?“ – „***“ – „`sch fahr Zündorf, ey.“ – „***“ – „`sch fahr nisch Chorweiler…“ – „“***“ – „Züüün-do-horf“ – „***“ – „Bis´ taub oder schwul, oder was?“ …

Die Sternchen stehen natürlich für den Gegenpart – wohl ein ER, sonst hätte sie ja lesbisch gesagt, aber vielleicht meinte sie es auch gar nicht SO wörtlich??? 😉 😉 – seine Beiträge wurden mir leider verheimlicht.