Archive for the ‘outtakes’ Category

outtakes. baby.

2008/07/18

Baby war kein Baby. Warum nannte sich eine Frau wie sie Baby? Baby war nicht schön. Wenn sie wütend wurde, schon gar nicht. Sie hatte Narben, quer durch die linke Augenbraue, links neben der Nase drei, eine vom Mundwinkel fast bis zum Ohr. Nichts mit endlosen Beinen, Strasskettchen, Mähne. Ihre braune Haut spannte wie rissiges Leder über den Wangenknochen. Vielleicht, weil sie sich die Haare so fest am Hinterkopf festzurrte, als wolle sie jede Regung in ihrem Gesicht verhindern. Ich hatte mich schon oft gefragt, was passieren würde, wenn sie den Zopf löste. Schrumpelte ihr Gesicht zusammen? Zu einer zerfurchten Hexengrimasse? Konnte sie es einfach abnehmen, das ganze Gesicht? Es über einen Kleiderhaken stülpen, hinter der Tür, neben die Skijacke, die sie Sommer, Winter, Frühling, Herbst, immer trug? Ich konnte mir genau vorstellen, wie sie abends nach Hause kam. Die Füße taten ihr weh, sie hatte elende Stunden vor dem Club gestanden, Leute raus, Leute rein, immer nur Fetzen der wummernden Sounds, wenn die Eisentür verschwitzte Typen, denen die Haare an der Stirn kleben, ausspuckte, oder Pärchen, die es kaum erwarten konnten, deren Finger sich schon im Gehen ineinander verloren, zwei Schritte, drei, vier vielleicht, er durchwühlte die Haare seines Mädchens, legte ihren Kopf in den Nacken, drückte ihr die Zunge in den Hals, seine Hand schob sich unter ihr kurzes Kleidchen, sie würde es nicht zulassen, nicht auf der Straße. Baby würde es sich anschauen, wusste, dass der Typ zum Ziel käme bei dem Mädchen. Am nächsten Wochenende würden die beiden sich nicht mehr kennen oder sich im Club ankeifen und Baby würde sie rauswerfen lassen, von den Jungs, von den Typen wie dem dicken Kerl. Mit den ersten Sonnenstrahlen ginge Baby nach Hause, schleppte sich die fünf Stockwerke zu ihrer Dachwohnung hinauf, der große Schlüssel mit dem altmodischen Bart, kein Zylinderschloss, Baby baute nicht auf die Sicherheit von Schlössern, eigentlich könnte sie die Tür gleich offen lassen, der Schlüssel knirschte beim Drehen, hakte sich kurz ein, offen. Ihre linke Hand warf den Schlüssel auf eine alte Kommode, die den halben Flur zubaute, viel zu groß, viel Kommode für wenig Flur. Mit der rechten würde sie nach hinten greifen, sie würde den Kopf zur Seite legen, ihre kurz gefeilten Finger mit Nägeln ohne Lack ertasteten das schlichte, viel zu stramme Gummiband. Sie nähme beide Hände, die Haare öffneten sich, sie zöge das ganze Gesicht nach vorne ab, würde es an den Kleiderhaken hängen. Baby käme zum Vorschein. Baby war schön.

outtakes

2008/07/18

Jedes Manuskript sah einmal anders als der gedruckte Roman aus. Ganze Fassungen werden ins Archiv verschoben, Personen fliegen raus, Episoden, ein kompletter Strang muss dran glauben. Auch wenn man gut vorbereitet ist, kann das Manuskript ein Weg der Irrungen und Wirrungen sein. Hier ein bisschen von dem, was rausgeflogen ist. Wächst nach und nach an, je nachdem, um was es in den aktuellen Beiträgen geht.