Archive for the ‘leseproben’ Category

leseproben. mirco – gegen einen wie mich

2008/07/12

Ich habe gecheckt, was da ablief. Schon beim ersten Blick, den sie geworfen hat und ich wusste, dass ich Yalla an dem Abend vorm Depot mit Recht eine in die Schnauze gegeben hatte. Vielleicht hat er sie da nicht angemacht, das kann sein, bestimmt nicht, der wusste ja nicht mal, wie anmachen überhaupt geht. Aber sie war scharf auf ihn, nicht wirklich scharf, aber darum geht es nicht. Ich erinnerte mich genau, wie sie ihn angesehen hat, vorher schon, im Club. Jetzt war ich mir sicher. Ich wusste jetzt, dass ich gegen einen wie ihn keine Chance hatte. Ja, Yalla, hast du richtig gehört: gegen einen wie dich. Keine Chance. Und der Mist mit dem Kater. An meiner Stirn musste er nie schnuppern. Das war die Taufe, so ein Scheißdreck. Ich wäre am liebsten sofort wieder abgehauen. Meine Blumen hat sie nicht mal ins Wasser gestellt, waren aber auch schon hinüber, totaler Mist, alle kaputt. Es waren die traurigsten Blumen der Welt. Ich hätte Yalla überhaupt nicht mitnehmen sollen, unten vor der Tür hätte er stehen sollen und warten und zwar so lange, bis ich, keine Ahnung, bis irgendwas. Es ging die ganze Zeit weiter so, in der Küche beim Essen, Bratkartoffeln mit Spiegeleiern, mehr hatte sie nicht da und ein paar Becher Schokopudding, von denen einer abgelaufen war. Er hat null gemerkt, dass ich eine beschissene Laune gekriegt hab, null. Der war mit ihr beschäftigt, hat ihr sogar Matheaufgaben erklärt, die sie für die Berufsschule brauchte. Matheaufgaben! Arschloch, habe ich gedacht, Arschloch, aber ich hab nichts gesagt. Und sie, Fabian hier und Fabian da und rumgeprotzt, weil sie wusste, was dieses Scheiß-Tourette ist, nur weil schon mal ein Wichser in ihrer Klasse es hatte und alle auf so einen Behindertenscheiß getrimmt wurden, dass das ganz normal ist und alles. Nichts an dem ist normal, hätte ich am liebsten gesagt, gar nichts, das weiß ich genau. Und er macht auch andere unnormal, das hätte ich auch gerne gesagt, der bringt dich auf Sachen im Kopf, das ist total unnormal. Er macht Sachen mit dir, die du nicht kapierst, da kommen Sachen, die du nicht willst. Verdammt, ich war nicht zu ihr gegangen, damit sie dauernd mit dir redet, Yalla. Ich wär überhaupt nicht zu ihr gegangen, eigentlich hätte ich dir sagen sollen, dass du irgendwann einfach verschwinden sollst. Eigentlich ist das beschissenste von allen Worten, die du in deine Tonnen finden kannst, verstehst du? Du bist vielleicht der Wort-Experte, kann sein, aber ein bisschen habe ich auch kapiert, darauf kannst du einen lassen. Und dass eigentlich zu den beschissenen Worten gehört ist oberklar. Scheißwort. Das hat mich ganz mürbe gemacht, das kannst du glauben, und ich hab dich dann einfach machen lassen. Oder reden. Über den ganzen Mist mit den Engeln. Sorry, Yalla, das war nicht so gemeint. Ich hab’ schon kapiert, dass diese Engelsache so wichtig für dich ist. Aber ich wusste es ganz genau: Sie fuhr auf so etwas total ab, Landeplatz für Engel, und diese Geschichte mit dem Typ, dem Engel und dem Fisch und dass er den Blinden geheilt hat. Ich hätte dazwischengehen sollen, spätestens als du ihr das versiffte alte Bildchen mit dem Erzengel drauf geschenkt hast. So eine Scheiße, habe ich gedacht, sein Traum ist es zum Landeplatz von Engeln zu kommen, von Engeln, hey, und deiner, Mirco, deiner? Ein beschissenes 500 Meilen langes Rennen oder eines, wo du vierundzwanzig Stunden am Stück fahren musst oder von Paris in die Wüste nach Afrika. Können die nicht überall landen?, hat sie gefragt und ich hätte Scheiße!, schreien können, so was hatte sie mich noch nie gefragt, immer nur Das ist eine Spinnerei, mit deinen Rennen!, oder, dass es zu gefährlich wäre. Aber ob die Engel überall landen können, das fragte sie. Yalla hat den Kopf geschüttelt, nein, könnten sie wohl nicht und dann den absoluten Hammer gebracht und gesagt, dass sie auch bei Regen nicht landen könnten. Bei Regen nicht?, wollte ich fragen, wofür sind sie Engel?, wollte ich fragen, die können alles, aber ich hab lieber den Mund gehalten

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leseproben. fabian – sehr unauffällig

2008/07/12

Ich fragte ihn nicht, wohin wir auf einmal so dringend mussten. Der Wagen stand noch auf dem Parkplatz vor der Laubenkolonie und wir mussten keinen neuen organisieren. Mir wurde klar, dass der Gedanke, eine Karre zu organisieren, sich schon fast normal anfühlte, jedenfalls flutschte er mir durch den Kopf, als hätte er gesagt: Wir müssen uns noch mal die Haare kämmen. Ich ticte still auf dem Beifahrersitz. Es ticte sich ziemlich entspannt in Gegenwart von Mirco, das sprach irgendwie für ihn. Es sprach sehr für ihn. Ticen konnte sehr unterschiedlich sein, je nachdem, wer in der Nähe war.
Versuch irgendwie, nicht so aufzufallen“, ermahnte Mirco mich, als wir das Auto in einer schäbigen Gegend vor einem noch schäbigeren Haus abstellten.
Das Erdgeschoss wurde von einem Schaufenster eingenommen. Ein Rollgitter sicherte die Glasscheibe, hinter der man nichts vermuten konnte, das durch ein solches Gitter geschützt werden musste.
Weit und breit war kein Mensch zu sehen, bis auf einen Typ, an dem alles grau war: Haare, Windjacke, Schuhe, Hemd, Gesicht. Besonders das Gesicht. Wie ferngesteuert nahm er an jeder Tür einen Stapel Anzeigenblätter aus einem Handkarren, blickte auf die Klingelleiste und zählte seine Wochenzeitungen, die keiner wollte, nicht mal kostenlos, ab. Für jeden Haushalt einen, hatten seine Chefs ihm wahrscheinlich eingebläut und gedroht, ihm den Arsch aufzureißen, wenn er die Dinger im Altpapiercontainer entsorgen würde. Dort, wo sie sowieso landeten, ungelesen. Oder sie würden ihn rausschmeißen und er könnte sehen, wie er mit seiner Rente klarkäme. Arme Sau, dachte ich, dafür wirst du so alt. Er schaute mir in die Augen und ich sah es darin. Er dachte dasselbe. Mirco stieß den Mann zur Seite.
„Was gibt’s, Wichser, irgendein Problem?“
Bevor der Mann einen Ton von sich geben konnte, warf Mirco sich auf den Gehweg, zappelte mit Armen und Beinen, seinen Körper durchzuckten Wellen von Eruptionen, um dann genau so schnell zu verebben, wie sie gekommen waren. Er stand auf, klopfte sich ab und zog den verdatterten Mann zu sich heran.
„Vorsicht, das ist ansteckend“, raunte er ihm ins Ohr.
Ohne eine Regung, kein Muskel bewegte sein zerfurchtes Gesicht, griff er zu seinen Zeitungen, zählte leise murmelnd sieben Stück ab und legte sie in den nächsten Hauseingang.
„Sehr unauffällig“, sagte ich.
Mirco hämmerte jedoch schon auf den Klingelknopf an der Tür des Ladenlokals eines Pfandleihers, das durch die verstaubten Scheiben kaum als solches zu erkennen war. „Lass mich reden“, befahl er. Er habe früher für ihn gearbeitet, er wisse, wie man mit ihm umgehe. „Der Kerl ist ein bisschen sonderbar, stopft alles in sich hinein, was high macht. Wenn er richtig drauf ist, kann alles passieren.“
Ich hatte noch nie einen Pfandleiher gesehen, geschweige denn gebraucht, noch weniger wusste ich, was es zu reden gab. Nach einer kleinen Ewigkeit, die Mirco damit zugebracht hatte so viel Radau zu machen, dass die halbe Straße aufgeschreckt sein musste, bewegte sich etwas hinter der Tür. Das Gitter rollte sich quietschend nach oben, die Tür ging auf, aber niemand trat heraus. Im Inneren erwartete uns ein schmales Gespenstergesicht, über dessen Wangenknochen die Haut spannte. Seine Haare, wenig und dünn und auf dem Schädel schon komplett ausgefallen, fielen im Nacken wie grausträhniges Lametta bis auf die Schultern hinab.
„Hey, Riff Raff …“, begrüßte Mirco ihn überfreundlich, verstummte aber sofort. Der Lauf einer Pistole schwankte leise vor Mircos Augen, hin und her, von links nach rechts und zurück, aber nie aus seinem Blickfeld.
„Hau bloß ab, du Kanake!“, zischte das Gespenst Mirco an.
„Mann, hey, Alter, wie krass ist das denn? Die DVD-Player waren voll in Ordnung …“, verteidigte Mirco sich, ohne abzuwarten, was Riff Raff eigentlich von ihm wollte. Mirco verzog keine Miene, jede Regung schien zu viel zu sein, würde vielleicht ein Zucken in den knochigen Fingern des Mannes hinter der Theke auslösen. Zucken, knacken, Knall, Tod.
„Ich schwör! Ich dachte, also, dachte ich jedenfalls, dass die die irgendwo aus dem Großhandel, also, komm schon, konnte ich wissen, dass sie wirklich vom LKW gefallen sind, ein oder zwei haben immer `ne Macke, also …“, stammelte er weiter und ich warf einen schnellen Blick, um abzuschätzen, wie wir am besten aus diesem Laden herauskamen, möglichst ohne eine Kugel im Bauch oder im Kopf. „Ich wollte dir einen guten Deal …“
„Halt das Maul, K-a-n-a-k-e!“, brüllte es hinter der Theke hervor. Das weißliche Gesicht lief rot an, die Augen sanken noch tiefer in die schwarz umrandeten Höhlen. Ein Klacken ertönte, die Ladentür hinter mir rastete ein und ich sah, wie Riff Raff ein zweites Mal auf einen Schalter drückte und sich ein fetter Stahlriegel vor den Ausgang schob. „Wo warst du gestern? Die beschissenen DVD-Player …“
„Auf die Russen kann man sich sonst verlassen“, versuchte Mirco den Horrormann zu beruhigen, aber dieser entsicherte die Waffe und krümmte langsam den Zeigefinger. „Die sind immer korrekt, meistens, irgendwie …“
Auf Mircos Stirn perlten dicke Schweißtropfen. Mir klebte die Zunge trocken am Gaumen. Ich sah nur noch die schrundigen Finger des Skeletts. Riff Raff hatte sie abgenagt, bis das blutige Nagelbett zum Vorschein kam.
„Blut“, schickte mich der Franzose auf eine letzte, schnelle Reise in die Welt der Tics, denn ich war überzeugt davon, dass er die Waffe benutzen würde. „Blutalkohol, Blutarmut, Blutbad, Blutbahn, blutbeschmiert …“
„Yalla, verdammt“, schrie Mirco. Er sprang zur Seite, riss mich mit.
„Blutblase, Blutdurst, Blutsaugen“, gellte es aus meiner Kehle, dann landeten wir unsanft in einer Sitzgruppe aus verblichenem braunen Kord und Chromgestellen. Einer der Stühle gab unter dem Bombardement krachend nach, wobei das Gestänge sich durch den Stoff von Mircos Hose bohrte.
Leise klickte es hinter der Theke. Aus der Mündung züngelte eine Flamme, die Riff Raff langsam zu seinen Lippen führte, mit der anderen Hand steckte er sich ein Zigarillo dazwischen und zündete es an. Ein süßlicher und gleichzeitig stechender Geruch durchzog die stickige Luft des Ladens.
„Sieht scheißeecht aus, was“, kicherte Riff Raff zuerst, dann kreischte er immer lauter: „Du hast gedacht, ich puste, ah, puste, ah, dir das Gehirn, ah, das Gehirn weg, du hast es geglaubt, gib es zu!“
Mirco sprang auf, aber seine Hose hing im Chromgestell der Couch fest. Er schleuderte zurück und landete in meinen Armen. Wütend stieß er mich weg, zerrte so fest am Stoff bis sie mit einem ritsch aufgab und zerriss. Als Mirco wieder auf den Beinen stand, seine Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, verharrte er einen Moment. Sein Gesicht war Wut, er kämpfte dagegen, sich von ihr wegreißen zu lassen. Nach einem tiefen Atemzug, drehte er sich zu der kichernden Gestalt um.
„Alter, du hast Humor, wirklich“, sagte er, sonst nichts. Er spielte den Obercoolen. „Das Ding sieht aber auch voll echt aus.“
„Hab ich fünfzig Stück von gehabt, gehen weg wie warme Semmeln, die Kleinen erschrecken im ganzen Viertel die Gemüsehändler damit.“ Riff Raff saugte an seinem Zigarillo. „Willste mal `nen Zug? Eigenbau, mit so getrockneten Blüten aus dem Garten von Dings, weißt schon, diese Trompetendinger, geile Mischung.“
„Deine Uhr“, forderte Mirco mich auf.
Ich schaute ihn an. Meine Uhr?
„Gib schon her“, blaffte er und wandte sich wieder zu Riff Raff. „Wir brauchen Kohle, für Pillen.“
„Mann, Bruder, hey, warum willst du dafür die Uhr von dem Typ, ich hab am Wochenende einen Job für dich, oder den da auch, Bruder, kann der was, kann der fahren? Kleines Feuerchen beim Chinesen, Zahlungsmoral, weißt schon, Bruder, die paar Ocken für `ne Uhr …“ Er klammerte sich an der Ladentheke fest. Seine Augenlider fielen mehrmals zu, er warf den Kopf in den Nacken und stöhnte. „Pillen?“, fragte Riff Raff dann. „Kannste auch gleich bei mir haben. Hab alles, gutes tschechisches Labor, Bruder, weißt doch, dass du alles von mir haben kannst, fast keine Panscherei, auf jeden Fall kein Strychnin, haben wir testen lassen, weil neulich – “
„Nicht solche Pillen, verdammt, mein Vetter ist – “,
„Hey, Bruder, kommt jetzt die ganze Family rüber, nasstroffje, Bruder, die Brüder von unserem Kanaken sind auch meine Brüder!“
„Sag noch mal Kanake zu mir und ich schieb dir einen Baseballschläger in den Arsch! Mein Vetter ist – “, er hob den ausgestreckten Zeigefinger zur Schläfe und beschrieb schnelle kleine Kreise dort, „ – du weißt schon.“
„Plemplem?“
„So was ähnliches, Spasti, wir brauchen Pillen für ihn …“
„Kannst Valium haben, Bruder, hab ich auch, machen schön ruhig.“
„Moment!“, schaltete ich mich ein. Ich zog Mirco zur Tür. „Was soll der Mist?“
„Ich rede, hab ich gesagt! Ich weiß schon, wie man am meisten Geld aus dem Junkie rausholt, jetzt gib deine Uhr her und halt das Maul.“
„Lass den Affentanz, du kriegst doch auch so Kohle von dem Typ, verarsch mich nicht. Warum meine Uhr?“
„Weil ich gesehen habe, was das Teil wert ist. Schweizer Edelteil, mindestens fünfhundert Eier wert. Wir brauchen ein bisschen Bares.“
„Ich brauche keine Pillen, verdammt, ich nehm die Dinger nicht mehr.“
„Dann zuck jetzt, verdammt noch mal, selbst ein abgewichster Hehler wie Riff Raff kriegt da Mitleid und rückt mehr für deine Uhr raus. Mach schon. Ich brauch das Geld, bitte, Yalla!“
„Dann versetz doch deinen Ring! Oder ist der aus dem Kaugummiautomaten?“
Ich hatte einen Treffer gelandet. Mirco lief rot an. Er hielt mir den blutig schimmernden Stein in der Form eines bestialischen Ebers unter die Nase.
„Das ist mein Glücksbringer, das ist kein einfaches Schwein, sondern der …“ Er suchte nach einem Wort, weil er es nicht fand wurde er noch wütender. „… der Keiler, für den so ein griechischer Superheld nötig war, um ihn zu besiegen. Nur der Sohn von einem Gott, nur der konnte ihn besiegen.“

leseproben. mirco – kettensäge

2008/07/12

Willst du zu denen gehören, die nur dazu da sind samstags die Fußgängerzone zu verstopfen oder auf der Fanmeile das Spiel zu sehen, auf so einer gigantischen Wand, wo du glauben sollst, du bist dabei, aber du bist nicht dabei? Das hab ich Yalla gefragt und er wusste keine Antwort. Aber das geht nicht lange, es geht nicht lange, wenn es egal ist, wenn es gar nicht auffällt, dass du da bist, du musst es wenigstens wollen, irgendwas, wollen musst du es, auch wenn du es nie schaffst. Wenn du nichts willst, bist du bald abgemeldet, das weiß ich. Deswegen passiert die ganze Scheiße. Weil fast alle nichts wollen und so funktioniert die Sache nicht. Du kannst nicht nur in einem Garten sitzen und nichts wollen. Irgendwas musst du wollen. Außer, du willst genau das, nämlich in einem Garten sitzen. Das wollen die wenigsten. Du musst wissen, was du willst, wirklich willst. Wenn du es nicht weißt, passiert der ganze Mist, alles, Krieg und wenn Leute sich mit der Kettensäge den Kopf abschneiden. Den Vater mit einem Messer zerfleischt und dann sich selbst, zack, mit der Kettensäge. Kopf ab, ist passiert, echt. Oder seine Kinder einfrieren. Weil die Leute nichts wollen, machen sie am Ende so Sachen, weil da was ist, innen, das ist leer, wenn du das merkst, musst du was machen, und wenn du Glück hast, merkst du es nicht. Dann hast du ein Haus und ein Auto und damit fährst du zur Arbeit und bringst deine Schreihälse in den Kindergarten und grillst abends und verstopfst die Fußgängerzone samstags. Wenn du es aber merkst, dann tut es weh und du musst was tun. Und manche flippen eben aus und machen den größten Mist. Kettensäge oder so. Aber das sind nur die Schlimmsten, die schaffen es bis in die Zeitung. Ich glaube, jeder hat irgendwo so eine Kettensäge. Aber bei den meisten sägt sie nur so still rum. Im Bauch oder im Rücken oder im Herz oder in der Seele, wenn die überhaupt Platz für eine Kettensäge hat, ich weiß es nicht. Als du mir erklärt hast, wie das funktioniert in deinem Kopf, oder wie es eben nicht funktioniert, da hab ich gleich an die Kettensäge gedacht. Wenn sie in deinem Hirn säbelt, hast du echt die Arschkarte gezogen, da merken es die anderen einfach am schnellsten. Das lässt sich nicht unter den Tisch kehren. Keine Ahnung. Yalla, jetzt mal ehrlich, du bist nur ein bisschen beschissener dran als alle anderen, weil alle mitkriegen, dass du da drinnen nicht alles unter Kontrolle hast. Aber die anderen haben es auch nicht, weißt du, wenn die Kettensäge hier drinnen, weißt du, im Herz, wenn sie da sägt, dann ist es genau so schlimm. Ich weiß das. Mit Sandra, hab ich Yalla da oben gesagt, mit der sollte alles so werden, gut eben, normal, na ja, so normal, wie ich eben kann, es kann nicht jeder normal, weißt du, Yalla, hab ich gesagt, das meinte ich doch damit, normal ist eben anders, jetzt für jeden einzeln gesehen, für ihn ist normal, dass die Leute ihn angucken und dann irgendeine Scheiße machen oder sagen und für mich ist, na ja, normal anders, aber das ist doch eigentlich alles okay. Wir können gerne tauschen, hat Yalla darauf gesagt, wenn alles normal und gleich ist und völlig egal, ob man zuckt oder nicht. Du gehst nach Hause, hab ich gesagt, irgendwann und lässt dir von deinem Alten zeigen, wo’s lang geht und nimmst seine Kohle und wirst sein Vorzeige-Spasti oder was, so sieht das aus und ich sitz auf einem beschissenen Hochhaus, hab ich gesagt, aber mir sagt keiner, wo es lang geht, das mach nur ich, aber ich war mir gar nicht sicher, ich hab halt so geredet, was mir so einfällt und irgendwann hat Yalla mich angeguckt, mit so Augen, keine Ahnung, die sauer aussahen, wütend, aber auch traurig und dann ist er aufgestanden und hat gar nichts gesagt und ich hab gedacht, ich hab den so traurig gemacht, dass er jetzt runterspringt, und ich hab gesagt, du Arschloch, wenn du das machst, tret ich dich in den Arsch, und wir haben gelacht, weil wahrscheinlich kein Arsch mehr da gewesen wäre nach dreißig Stockwerken und so. Dann hat er gefragt, ob ich so einen BMW besorgen kann, einen mit Herzrasen und Adrenalin und Kribbeln und ich hab gesagt, dass die alten Karren einfacher zu knacken sind, und dann war er mit einem Mercedes zufrieden, Baujahr 1987, S-Klasse, mit Stoßstangen, richtige Stoßstangen mit Chrom und so, und ich hab ihn zu der Bank von seinem Alten gefahren und er hat gesagt, ich soll warten und es dauert nicht lange und ich könnte die Karre ruhig anlassen und ob ich ihm eine Zigarette und das Feuerzeug geben könnte und hat sie sich anzünden wollen mit Riff Raffs Feuerzeug, aber das Ding hat schon den Geist aufgegeben und er hat die Zigarette weggeschmissen.

leseproben. fabian – scheiß was drauf

2008/07/12

Scheiß was drauf. Ich hatte nicht mitbekommen, wer den Satz gesagt hatte. Irgendwer, der den weiten Weg hierher gemacht hatte, weil das Depot zum heißesten Club der Stadt erklärt worden war. Irgendwer, der es nicht hinter die graue Stahltür geschafft hatte oder dem die letzte Zigarette in den Dreck gefallen war. Irgendwer, der keine Ahnung davon hatte, dass er kurz vor Mitternacht noch die gute Tat des Tages tun würde, einfach indem er mir einen Satz schenkte, einen guten Satz: Scheiß was drauf.
Du kannst diesen Satz auf unendlich viele Arten sagen. So nebenher, im Vorbeigehen. Durch die Zähne geschoben, fast nur ein Zischen. Oder schreien, laut, mit der ganzen Fratze, die Lippen nach vorne gestülpt, ein eckiger Trichter, die Zunge voll, wulstig, fleischrund hinter die Zähne geschoben: Scheiß. Der Rest läuft von selbst. Der Rest ist unwichtig. Scheiß ist wichtig. Der Rest läuft nach unten weg.
Scheiß was drauf ist ein Von-oben-nach-unten-Satz. Er fängt oben an, Scheiß, und rutscht dann nach unten weg, was drauf. Das was hat keine Bedeutung. Es interessiert keinen, was du drauf scheißt. So genau will es keiner wissen und es geht auch gar nicht um etwas Konkretes, also etwas, das man wirklich drauf scheißen könnte, und es geht schon gar nicht um Scheiße. Jeder Satz hat ein Wichtigwort und in diesem ist es nicht das Wort was. Dafür spricht auch, dass es an zweiter oder an zweitletzter Stelle im Satz steht. In einem Von-oben-nach-unten-Satz hat so etwas eine Bedeutung, da steht das wichtige Wort vorne, am besten an erster Stelle. Drauf. Steht an letzter Stelle. Ist eine Falle. Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben (übrigens kein Von-oben-nach-unten-Satz). Du sollst auch den Satz nicht vor dem Ende eintüten, weil du sonst feststellen könntest, ziemlich oft sogar, dass er etwas ganz anderes ist, als du dachtest, dass er nachtritt, aus dem Hinterhalt schießt. Drauf. Du konzentrierst dich voll auf den Anfang, stößt es zischend und giftig heraus, gegen dich, gegen andere, ins Nichts, meistens ins Nichts – scheiß was drauf, von oben nach unten.
Aber dann, manchmal sofort, oft viel später, wenn du Glück hast, geht dir ein Licht auf. Du kannst diesen Satz raushauen, so oft du willst, auf dem Wort an erster Stelle herumturnen, so viel du willst, es kommt am Ende auf das drauf an. Auf das Wort an der letzten Stelle. Es kommt nämlich auf nichts in dem Satz an, sondern auf das, was du gar nicht aussprichst, auf das, wofür drauf steht, auf das, was vor dem Satz war, auf das, auf was du scheißen sollst und nicht kannst. Denn du sagst den Satz nur, weil du nicht tun kannst, was er dir befiehlt. Weil dann alles ganz einfach wäre.

leseproben.

2008/07/12

„Wo sind wir überhaupt?“
„Keine Ahnung!“
„Verarsch mich nicht. Ich denk du weißt, wo wir hin wollen?“
„Woher soll ich das wissen. Wir fahren. Das reicht.“

Ein paar Tage im Leben von zwei jungen Typen, die ein Zufall zusammengeführt hat. Oder auch kein Zufall. Wer weiß das. Wer weiß, wie das mit den Engeln, der göttlichen Fügung und am Ende auch mit der Verführung durch die gefallenen Engeln funktioniert. Ich weiß es nicht. Ich hab nicht so mit Göttern, aber an Zufälle glaube ich auch nicht.
Die Geschichte von Fabian und Mirco ist konsequent aus ihrer jeweiligen Sicht erzählt, abwechselnd und fortlaufend. Natürlich finden wir mitunter dabei auch das völlig unterschiedliche Erleben ein und derselben Situation durch die beiden.